Die Ersten Hundert Häuser

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Die Heimstättensiedlung war ein Experiment zur Lösung der Arbeitslosenfrage. An der Südwestecke Darmstadts, in der Nähe der "Pulverhäuser" im Eschollbrücker Wald, entstand ein Siedlungswerk, das einen Versuch darstellte. Arbeitslose sollten mit möglichst geringen Kosten ansässig gemacht werden, um so nach und nach die öffentlichen Unterstützungskassen zu entlasten. 
Es wurden auf diesem Platz 100 einfache aber solide Einfamilienhäuser erstellt. Jedem Siedler wurden rund 1000 Quadratmeter Grund gegen Erbpachtzins überlassen. Man hoffte, dass nach Fertigstellung der Bauten und Einbringung der ersten Ernte der Ertrag so groß sein würde, dass die Wohlfahrtsunterstützung, wenn auch nicht ganz, so doch prozentual reduziert werden könne. 
Der Grundgedanke war, die arbeitslosen Siedler zu organisierten Gruppen vereint, gemeinsam eine Anzahl von Siedlerhäusern fertig zu stellen. Die Häuser enthielten drei Zimmer nebst Küche und Keller, so dass sie einer nicht zu großen Familie genug Raum boten. Sie wurden ohne besonderen Aufwand errichtet, da möglichst sparsam gewirtschaftet werden musste. Verbilligend kam hinzu, dass Abbruchsteine verwendet wurden und dass das benötigte Holz von alten Baracken des Griesheimer Lagers zur Verfügung gestellt wurde. 
Auch sonst traten noch Schwierigkeiten auf; die ganze Sache war zu neu und musste sich erst einlaufen. Zunächst wurde nicht rationell genug gearbeitet; z.B. wurden die angefahrenen Mauersteine nicht gleich an den Baustellen verteilt abgeladen, sondern lagen in großen Haufen herum, so dass doppelter Transport geleistet werden musste. Das Gleiche galt für die ausgehobene Erde, die nicht gleich planiert, sondern an einem Ort aufgeschüttet wurde, von wo aus sie verteilt werden musste. Hier hätte leicht Abhilfe geschaffen werden können, wenn die Stadtverwaltung ein paar Kipploren und einige Meter Gleis herausgegeben hätte, was aber nicht zu erreichen war. Seit Wochen hatten die Siedler dies schon beantragt; sie hatten auch festgestellt, dass im Lager des Tiefbauamtes zehn Loren unbenutzt herumstanden sowie 250m Gleise vorhanden waren, aber nichts rührte sich. Mit Handwerkszeug war es schlecht bestellt, obwohl die Stadtverwaltung aus ihren großen, unbenutzten Best&a uml;nden noch manches hätte hergeben können. mussten sich die Siedler recht kümmerlich behelfen. Einzelne Herren des Hochbau- und Tiefbauamtes erkannten die Tätigkeit der Siedler zwar voll an, aber andere bremsten vor lauter Amtsdenken die Förderung. 
Das war bedauerlich, denn die Siedler arbeiteten mit viel Lust und Elan an ihrem Werk und widerlegten die Ansicht manches Hochnäsigen, dass jeder Arbeitslose ein "Faulenzer" sei. Man bedenke, dass sich die Siedler von ihrer Unterstützung nur eine mangelhafte Ernährung leisten konnten und dennoch schwerste Arbeit verrichteten. 
Die Plätze für die ersten Doppelhäuser waren bereits abgesteckt, das erste Haus wuchs schon in den Grundmauern, beim zweiten arbeitete man an der Ausschachtung. Bei der feierlichen Grundsteinlegung des Anfanghauses wurden in den Grundstein verschiedene Urkunden eingemauert und 62 Pfennige - das gesamte augenblickliche Barvermögen des Arbeitstrupps. Die Darmstädter Brauereivereinigung hatte hierzu 100 Flaschen Bier gestiftet, so dass die Feier einen gewissen "feuchten" Beigeschmack bekam und die Zuversicht, dass das Werk gelingen würde, war vorhanden. 
Es fehlte noch an hundert Kleinigkeiten, die sich die Siedler nicht aus eigenen Mitteln beschaffen konnten. Um eine rationellere Ernährung zu erreichen, hatte die Herdfabrik Röder einen großen Kochkessel gestiftet. 
Die Weltwirtschaftskrise von 1929 und in ihrem Gefolge die Brüningschen Verordnungen hatten im Deutschen Reich im Jahre 1932 zu über 6 Millionen Arbeitslosen geführt. Besonders schlimm war die Lage in den Großstädten. Nach dem Willen der Reichsregierung sollten Erwerbslose die Möglichkeit erhalten, sich durch den Bau eines Siedlungshauses in Selbsthilfe in halbländlicher Umgebung die Grundlage für eine neue Existenz zu schaffen. Jede Siedlungsstelle sollte als Nebenerwerbsquelle etwa 1000qm Boden erhalten. Das Reich stellte den Städten für jede Siedlerstelle 2250,-RM und 250,-RM für Inventarbeschaffung zur Verfügung. 
Die Stadt Darmstadt folgte den Plänen der Reichsregierung und wies das Gelände westlich der Main-Neckar-Bahn südlich der Eschollbrücker Straße als Baugelände für rund 100 Siedlerstellen aus. Ein sandiges, wenig fruchtbares Land, durchsetzt mit Kieferbeständen, zum Teil von Kleinbauern aus Bessungen bewirtschaftet. Im Westen dieser armseligen Gegend standen die Reste der Pulverhäuser der ehemaligen Garnison. Das Wachhaus (später als Sonderschule und heute als Jugend- und Seniorentreff genutzt) und die Steinbaracke (heute von der katholischen Kirche genutzt) sind die letzten Bauten aus dieser Zeit. 
Schnell wurde in einer reinen Zweckplanung die Schaffung von drei Stichstraßen, abgehend vom Pfungstädter Weg (heute Heimstättenweg) mit Doppelhäusern vorgesehen. Arbeitslose, Fürsorgeempfänger und Krisenunterstützte wurden in den Tageszeitungen zur Meldung aufgefordert. 400 Bewerbungen liefen ein: Die große Zahl der Interessenten dokumentierte den ungebrochenen Arbeitswillen der Arbeitslosen. 
Ausgewählt wurden diejenigen, die für die erforderlichen Selbsthilfe die besten Voraussetzungen mitbrachten, vor allem Bauhandwerker, Maurer, Zimmerleute, Schreiner, Glaser, Schlosser und Bauhilfsarbeiter, aber auch Fabrikarbeiter, Angestellte und ungelernte Arbeiter. Die Leitung der Baumaßnahmen oblag der städtischen Baubehörde, die örtliche Leitung hatten Amtmann Graf und Polier Assmuth. 
Reges Leben herrschte um das ehemalige Munitionsdepot am Pulverhäuserweg. Riesige Backstein- und Bauholzhaufen wurden dort gelagert. Die Gebäude des alten städtischen Fuhrparks, die ehemaligen Ställe des Dragonerregiments, Ecke Riedesel- und Hindenburgstraße wurden eingerissen und dadurch etwa zwei Millionen Backsteine gewonnen. In Holzschuppen lagerten schon Kalk und Zement. Die Häuser waren abgesteckt. Die ersten Gruben wurden ausgeschachtet, die Wasserleitungen waren schon fast fertig und die Straßen wurden ausgehoben. In den Schuppen für Schreinerei und Schlosserei wurde eifrig gearbeitet, denn schon im Herbst sollten die ersten Siedler einziehen. Die Häuser hatten im Erdgeschoß eine Stube und die Küche. Ein aufgesetzter Kniestock enthielt zwei Räume, die Wohnfläche betrug etwa 56qm. Auf der Rückseite der Doppelhäuser lag ein Stall für Kleinvieh. Jede Siedlerstelle erhielt etwa 1000qm Land. Hundert Erwerbslose fanden hier e in neues Heim, hundert von 6 Millionen. Die ersten Häuser entstanden - Unter den Golläckern - Am Klingsacker - und Am Eichbaumeck. 
Vom Arbeitsamt wurden auf den Baustellen die Arbeitslosenkarten gestempelt und die Unterstützung weitergezahlt. 
Während der Arbeitszeit gab es mittags eine warme Suppe und nachmittags Tee. Mannschaftsbaracken wurden aufgestellt und eine Nachtwache eingestellt. Jeder Anwärter auf eine Siedlerstelle hatte 2500 Arbeitsstunden zu leisten und musste sich verpflichten, bis zur Fertigstellung des Bauabschnittes zu arbeiten. Viele haben in dieser Zeit geholfen. In ihrer Freizeit warben die Siedler bei "besseren Herrschaften" um Möbelstücke und Sachwerte. Der Erfolg war beachtlich. Ein Lagerraum stand bis zur Verteilung der Spenden zur Verfügung. 
Die Bauarbeiten gingen zügig voran. - Am 15 April 1932 wurde durch den Siedler Gustav Zahl mit einem altertümlichen Wiesenbeil auf gut Glück - Unter den Golläckern der erste Spatenstich getan. 
Am 26 April 1932 erfolgte der erste Spatenstich - Am Pulverhäuserweg. 
Am 20 Mai 1932 um 17.00 Uhr, vollzog Oberbaurat Müller die Grundsteinlegung - Unter den Golläckern Nr. 45/47. Eingemauert wurde jene Urkunde mit den 62 Pfennigen Barschaft, von der der "Datterich" berichtet. 
Am 23 Mai 1932 wurden die ersten Fundamente gemauert. 
Am Sonntag dem 5. Juni 1932 wurden zum Zeichen des Richtfestes Fahnen und ein Strauß auf dem Giebel eines Hauses angebracht. 
Bis Oktober 1933 umfasste der 1.Bauabschnitt 53 Doppelhäuseer für 106 Familien in den Straßen - Unter den Golläckern, - Am Klingsacker und Am Eichbaumeck. 
1934 wurden die 51 Doppelhäuser (für 102 Familien) des 2.Bauabschnittes im südlichen Pulverhäuserweg - An der Maitanne und - Am Burgwald übergeben. Grund und Boden wurde den Siedlern im Erbbaurecht verliehen, nachdem diese die in Gemeinschaftsleistung geschaffenen Siedlerstellen nach Fertigstellung untereinander verlost hatten. 100,- RM bis 150,- RM Restmittel standen noch zu Verfügung. Zudem erhielt jeder Siedler von der Stadt für seinen Garten einen Kirschbaum, Sträucher, Gartengeräte und ein Schweinchen. 
Es bleibt noch nachzutragen, dass die Nassauische Heimstätte in den Jahren1937/38 im nördlichen Pulverhäuserweg und im Forstweg nach dem Reichsheimstättengesetz Einfamilienhäuser errichtete, und nach dreijähriger Bewährung den Siedlern als Eigentum übergab. 
Gleichzeitig wurden im Pulverhäuserweg, Heimstättenweg, Am Kaiserschlag und In der Köhlertanne Doppelhäuser für je 4 Familien als Mietwohnungen gebaut. 
Die ersten 100 Siedlerstellen jedoch bildeten den Kern.

(Quelle : Festschrift des Deutschen Siedlerbundes 1992)

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